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21./22. Dezember 1999

CRASH ALERT - Die Geschichte, die in die Geschichte eingehen wird

Was wird - rückblickend in einigen Jahren (und sogar noch in einigen Jahrzehnten) das Bemerkenswerteste Ereignis der 90-er Jahre, besonders des Jahres 1999, sein?

Die Spekulationsmanie an den Aktienmärkten.

Schauen wir uns den Dow Jones Index an:

Welcher Aktienindex wird als die exorbitanteste Übertreibung in die Geschichte eingehen?

Der Nasdaq-100, der in diesem Jahr etwa 85 % (!!!) zugelegt hat.
Hier ist aber die "harmlosere" Variante, der Nasdaq Composite:

Lässt sich diese Steigerungsrate noch steigern? (Zum Stand des Charts, 20.12.99, kommen heute wieder 120(!) Punkte dazu.)

Ja, es geht. Welches wird DIE Aktie der Geschichte werden?

Yahoo!

Senkrecht aufwärts. Seit dem Stand des Charts, 20.12.99, kommen heute wieder 30 Dollar auf über 400 dazu.

Mehr als senkrecht geht aber nicht. Yahoo hat heute ein KGV von über 1.900. Marktkapitalisierung: 105 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Saudi-Arabien, der Welt größter Ölproduzent, verkauft in einem ganzen Jahr gerade mal für 72 Milliarden Dollar Öl - und das beim derzeitigen Preis von über 25 $/barrel!

Anderes Beispiel: Das finnische "Handy-Unternehmen" Nokia hat einen Marktwert, der höher ist als das gesamte Bruttosozialprodukt von Finnland. Es gibt viele solcher Vergleiche, die einem Menschen mit gesundem Menschenverstand nicht einleuchten wollen. Die Hälfte des Börsenwertes von Microsoft reicht aus, um sämtliche Gold- und Silberminen-Unternehmen auf der ganzen Welt zu kaufen.

Es gibt aber auch Beispiele, die ihrer "Zeit schon voraus" sind, wie OnSale:

Die haben einen 90-Prozent-Rückgang schon hinter sich, und damit einen großen Teil des Weges bereits "geschafft".

Auch der Dow Jones hat von 1929 bis 1932 etwa 90 % eingebüßt:

Entscheidend an diesem Bild ist etwas absolut Typisches: Ein Rückgang nach einer Manie geht immer unter den Punkt zurück, bei dem die Manie angefangen hat!

Es war auch so bei der Tulpenmanie und bei der "South Sea Bubble":

Wer also heute von einer Korrektur beim Dow Jones oder beim Nasdaq von 20 %, maximal vielleicht 30 % ausgeht, kennt nicht die massenpsychologischen Wirkungen und vor allem nicht die Historie. Wenn eine Blase platzt, geht sie unter den Anfang der "Explosion" zurück.

In einem Punkt hilft die Kenntnis der Historie tatsächlich nicht. Die derzeitige Spekulationsblasenmanie übertrifft alles bisher da gewesene! Diesen Chart kennen Sie ja schon:

Schauen Sie sich auch die Ausarbeitung an, warum wir in Welle 5 und nicht in Welle 3 sind. Und die Analyse zur "Buy-and-Hold-Strategie" kann auch nicht schaden.

Die FED jedenfalls hat ein (recht einfaches) Modell, anhand dessen sie die Bewertung der Aktienmärkte misst, und das sieht derzeit so aus:

Demnach 55 % überbewertet (heute kommt wieder was dazu). Aber: Das Modell berücksichtigt nicht die Übertreibung nach unten, wenn "der Stein einmal ins Rollen kommt".

Neben den unzähligen Fakten, die jeden Vergleich mit der Vergangenheit sprengen, gehören u. a. die Aktienkredite:

Und - ein Phänomen unserer Zeit (wie es auch Ende der 20-er Jahre, nur nicht in diesem Ausmaß, war) - die "Mergeritis".

Ich hatte dieses Thema schon mehrfach in den letzten Wochen angesprochen. Wofür Wirtschaftswissenschaftler (Markowitz) Nobelpreise bekamen, das wird heute über den Haufen geworfen. Portfoliotheorie, Risikostreuung, Diversifizierung - all' das ist hinfällig in einer Zeit, in der nur noch schiere Größe zählt. "Konzentration auf das Kerngeschäft" hören Analysten und Aktionäre heute gern, wenn es auch auf Kosten von zig-tausenden von Arbeitsplätzen geht. Ich nenne es "in guten Zeiten der Sorglosigkeit alles auf eine Karte setzen".

Und all' diese Erscheinungen sind letztlich eine Folge der Massenpsychologie ganzer Völker.

Die amerikanischen Aktien sind längst in einem ausgewachsenen Bear-Market, aber kaum jemand will es merken. Die advance/decline-Linie schreit geradezu.

52 % aller S&P500-Aktien sind im Minus gegenüber dem Jahresanfang.
67 % aller NYSE-Aktien sind 20 % oder mehr unter ihren 1998-er Höchstständen, und 45 % sogar mit mehr als 40 % minus.

Seit April 1998 ist die a/d-Linie geradezu im freien Fall. Und die kumulativen Highs/Lows sehen ähnlich aus:

Und wenn Sie glauben, an der Nasdaq sähe es besser aus, irren Sie:

Hier geht es sogar bereits seit 1993 abwärts! Vielleicht sogar noch länger, aber einen längeren Chart habe ich nicht gefunden.

Und wie ich in der schon o. g. Analyse ("Welle 5 oder Welle 3") aus November zeigte, geht die advance/decline-Linie an der NYSE bereits seit den 50-er Jahren abwärts!!! Das ist ein eindeutiges Zeichen, dass wir uns in einer historischen Blase befinden, denn sonst wäre die Situation fundamental untermauert.


 

Deutschland spielt zwar keine große Rolle in der Welt der Aktien, aber die heutige Meldung in meiner Lokalzeitung (Westdeutsche Allgemeine Zeitung) ist trotzdem bemerkenswert:

Viele Sparer wechseln jetzt zur Aktie
Kursanstieg bringt neue Kunden

Die Deutschen entdecken die Aktien. Sie investieren immer mehr Geld diese Wertpapiere. Neuen Schub bekommt der Trend durch die aktuelle Entwicklung der Aktienkurse. Die Banken verzeichnen in diesen Wochen "deutliche Zuwächse" und "erstaunlich viele neue Kunden" im Aktien-Bereich. Mittlerweile sind fünf Millionen Deutsche Aktionäre - mehr als je zuvor. Einer der Gründe für den Trend zu Aktie: Der Deutsche Aktienindex (DAX), der die Wertentwicklung der wichtigsten deutschen Aktien widerspiegelt, hat allein von Anfang November bis heute 18 Prozent an Wert zugelegt. Da kommen andere Anlageformen nicht mit. "Die Entwicklung lockt auch Anleger, die bisher den Aktien eher skeptisch gegenüber standen. Sie wissen mittlerweile, dass sie für das unbestritten höhere Risiko der Aktie zumindest dann belohnt werden, wenn sie langfristig anlegen", sagt ein Anlageberater. ...

Und in der gleichen Zeitung, unter der Rubrik "Kommentar", heißt es:

Aktie erlebt in Deutschland einen Boom
Das neue Fieber

Es hat lange gebraucht, bis die Aktie auch in Deutschland zum Zuge kam. In Amerika schon seit langem fester Bestandteil der Sparkultur, benötigte sie hierzulande erst in zündenden Funken durch den Börsengang der Telekom und dann eine fulminante Kursentwicklung des gesamten Marktes. Auch Veba und VW waren Volksaktien, doch erst die Telekom brachte die Wende. Natürlich bleibt stets ein Stück Unsicherheit, aber sie wird nun anders eingeschätzt.  ... Einstweilen erkennt der Anleger, dass die Aktie von der Rendite her kaum zu schlagen ist. Sicher kann sich dies auch ändern. Die nötige Geduld jedoch, bei Kursrückschlägen auch einmal warten zu können und nicht übereilt zu verkaufen, scheint beachtlich entwickelt zu sein. ... Gleichwohl: Die Gefahr der Luftblasen besteht unvermindert. Zuweilen mag die Börse rational sein, doch der Überblick geht im Überschwang schnell verloren. Was z. B. ist Mannesmann wert? Auch in Zeiten des Jubels sind Zweifel erlaubt.

Ein Abonnent schrieb kürzlich:
"... im übrigen fragen mich zur Zeit immer mehr meiner Kunden, wie sie vom Arbeitsplatz aus mit Aktien handeln könnten. Vor allen die "High-Tech" Aktien sind doch der "Hammer" - und besonders die .... und nennen mir Unternehmen vom Neuen Markt (oder ähnlich), von denen ich noch nie was in der Branche gehört habe. Das Schlimme daran ist aber, dass meine Kunden keinen "blassen Dunst" von den Unternehmen haben, welche sie so dringlichst ordern möchten - die meisten haben noch nicht mal ein Depot oder können mit den Regeln etwas anfangen - KGV - was um Himmels Willen ist das??!!...
An eine ähnliche Entwicklung kann ich mich 1998 im Sommer erinnern, damals bin ich selber Bulle geworden und habe eine Menge Geld in den "Sand" gesetzt - was damals kam wissen wir alle!"

Nach fast 20-jährigem Aktienboom entdecken also die Deutschen die Aktien. Wäre das nicht vor 20 Jahren angebracht gewesen? Und in einigen Jahren (oder wann immer der "Boden" erreicht ist) werden sie sich wieder von den Aktien abwenden. All' diese Phasen hat Amerika schon mehrfach hinter sich: Ende der 20-er Jahre
Boom, Anfang der 30-er Jahre Frust, Mitte der 60-er Boom, Ende der 70-er wieder Frust - um nur die großen Entwicklungen zu nennen.

Yo-Yo's waren Ende der 20-er Jahre sehr beliebt. Heute auch wieder: Amazon.com vertreibt sie sogar online. Versandhandel ist übrigens nichts Neues; Sears hat bereits Ende des 19. Jahrhunderts einen Katalogversand aufgebaut. Heute sind die Kataloge elektronisch. Sears hat mit dem damaligen Kataloghandel allerdings Gewinne gemacht, worauf Amazon noch hofft. Sears hat aber auch schon vor vielen Jahren wieder damit aufgehört, weil sie feststellten, dass damit keine gute Rendite erzielt werden konnte.

Aber Unternehmen ohne Gewinn sind ja heute der Renner. Merrill Lynch hat in einer kürzlichen Analyse die Aktien aller Unternehmen in solche mit und ohne Gewinn aufgeteilt und die Performance dieser Aktien ermittelt. Ergebnis: Die mit Gewinn lagen im Durchschnitt seit Jahresbeginn mit 2 Prozent im Minus, während die Verluste-Macher im Durchschnitt ein Plus von 52 Prozent aufweisen!
Noch ein Vergleich zu 1929: Das "Empire State Building" in New York, das damals höchste Gebäude der Welt (381 Meter) wurde 1929 begonnen, als der Dow Jones seinen Rekord hatte.

Und die "Petronas Towers" in Malaysia, das dann höchste Gebäude der Welt (452 Meter)? 1996 Baubeginn, 1997 die Asienkrise, 1998 fertig.

Wann wurde das "Shanghai Welt-Finanzzentrum", das derzeit höchste Gebäude der Welt gebaut (460 Meter)? Es ist gerade erst begonnen worden: am 27. August 1999, zwei Tage nach dem Schlussrekord des Dow Jones.

Und in letzter Zeit kommen so ein paar "Schoten" dazu. Schauspieler oder Sportler werden zu Aktien-Experten. In der Ausgabe Nr. 41 des "STERN" vom 07.10.99 steht auf der Titelseite: "Machen Sie mehr aus Ihrem Geld - Tipps von Experten und Prominenten". Harald Schmidt, Birgit Schrowange, Patrick Lindner, Ulla Kock am Brink, Olaf Thon und andere kennen sich bestens auf den Finanzmärkten aus. "Ich brauche keinen Berater", sagen sie.

Und Oliver Kahn ist bei ConSors im Internet als Zugpferd für ein Börsenspiel eingespannt. "Schlagen Sie Oliver Kahn!".

Die Phase der Taxifahrer und Schuhputzer mit Aktientipps ist ja schon alt, aber wenn Promis hinzu kommen ...

Drei Viertel aller Amerikaner glauben, nein: sind überzeugt davon, dass das Ende der Aktienhausse noch Jahre entfernt liegt, falls sie jemals überhaupt zu Ende geht. Zitat eines Analysten: "Die einzigen Bären in New York gibt's im Zoo."

Und heute kommt der Hammer:

"Bin ich etwa schon drin, oder was?" will jetzt auch einsteigen:

Berlin, 21. Dez  - Boris Becker denkt über ein geschäftliches
Engagement beim Internet-Provider America Online (AOL) nach. Der
Illustrierten "Bunte" sagte der Tennis-Star, nach seinem Werbespot für AOL
bestehe "absolut die Möglichkeit", dass er mit eigenem Kapital einsteige. Er
wolle Unternehmen, von denen er überzeugt sei, nicht nur als Gallionsfigur
dienen, sondern dort auch Investor sein.

Nein, du bist noch nicht drin, aber wenn du es bist, wirst du der Letzte sein.

Und wieder könnte ich ein Buch schreiben, aber es sollte ja nur eine keine Analyse werden.

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