Pressegespräch am 20. März 2000 in Frankfurt

halbjährlich veranstaltet vom Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB)
Gastgeber: Landesbank Hessen-Thüringen

Über das Ergebnis der Auswertung der bisherigen Prognosen sowie die aktuellen Zins- und
Euro-Prognosen konnten Sie am 21.03. die Berichte der Journalisten u. a. in der FAZ, 
der Börsenzeitung und der Frankfurter Rundschau lesen: 

Hier sind meine Aussichten, die ich in Frankfurt erläutert habe:

Vorwort

Die Theorie der Elliott-Wellen ist eine detaillierte Beschreibung über das Verhalten von Finanzmärkten.
Sie beruht darauf, dass das zyklische Schwanken der Massenpsychologie der Marktteilnehmer zwischen
Optimismus und Pessimismus nach natürlichen Gesetzmäßigkeiten und in bestimmten Mustern erfolgt.
Jedes Muster lässt Aussagen über die vergangene, derzeitige und zukünftige Position eines Marktes in
einem Zyklus zu. Wer einmal den "Durchbruch" durch die "Mauer der Fundamentals" gemacht hat, kehrt
zu keiner anderen Methode mehr zurück. Er hat dies geschafft, weil er die vordergründigen, unlogischen,
ständig wechselnden, "fundamentalen" Erklärungen lange genug verfolgt und kritisch hinterfragt hat.
Mal waren es die Zinsen, mal der Arbeitsmarkt, mal die steigende Inflation, mal die fallende Inflation, mal
das Bruttosozialprodukt, mal das Handelsbilanzdefizit, mal dies und mal das, was die Aktien, die Anleihen,
die Rohstoffpreise oder die Währungen bewegt haben soll. Das große Manko bei dieser Methode: Leider
bekommt man erst nach einer Kursbewegung gesagt, was diesmal der Auslöser war. Und als potentielle
Gründe stehen Tausende zur Auswahl.

All’ diese "Fundamentals", diese externen Marktfaktoren, sind nicht die Auslöser von Verhaltens-
änderungen bei den Marktteilnehmern, sondern sie sind die Folge eines bereits veränderten Verhaltens.
Die Inflationsrate, als Beispiel, oder das Handelsdefizit, werden durch das Massenverhalten bestimmt.

Die Psychologie, und nichts anderes, bestimmt jeden Markt zu jeder Zeit! Und die Marktpsychologie
der Marktteilnehmer richtet sich, wie alle vom Menschen geprägten Entwicklungen, nach unumstößlichen
Naturgesetzen. Und diese Naturgesetze bestimmen den Verlauf, die Muster, die Proportionen und die
zeitlichen Komponenten der Marktbewegungen.

Diese Naturgesetze hat Ralph Nelson Elliott in den 30er und 40er Jahren beschrieben. Eine etwas
ausführlichere Beschreibung finden Sie hier.
Elliott hatte nur wenige Anhänger, die seine Theorie bis heute weitergetragen haben: Hamilton Bolton,
A. J. Frost, Charles J. Collins, und, bis heute, Robert R. Prechter. Vorreiter für Elliott waren Arthur Pigou,
Charles H. Dow und Bernard Baruch. Letzterer, ein Multimillionär durch Spekulation, traf den Nagel
mit folgenden Worten auf den Kopf:

"But what actually registers in the stock market’s fluctuations are not the events themselves,
but the human reactions to these events. In short, how millions of individual men and women
feel these happenings may affect their future."

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Kapitalmarktzinsen USA

Die langfristigen Zinsen in Euroland und USA haben eine hohe Korrelation, wobei mehr die amerikanischen als die europäischen "den Ton angeben".

Seit Anfang der 40er Jahre befinden sich die 30-jährigen US-Renditen in einem (5-teiligen) Aufwärtsimpuls, an dessen bisheriger Spitze die (I) Anfang der 80er Jahre steht. Bis Oktober 1998 lief eine Korrektur (II). Seit diesem Tiefstand der Rendite von 4,70 % entwickelt sich Welle (III), die letztlich das Niveau von Anfang der 80er Jahre überschreiten wird. Eine solche Entwicklung ist heute aus fundamentaler Sicht natürlich nicht zu erahnen, doch das Naturgesetz der massenpsychologischen Wellen lässt diese Entwicklung erkennen. Bei Anwendung der Elliott-Wellen darf nicht aus den augenblicklichen "Fundamentals" auf die Zukunft geschlossen werden, sondern es muss vielmehr gefragt werden, was fundamental passieren wird. Das Szenario dazu lautet "weltweite Finanz- und Schuldenkrise". Auf dieser Website finden sich zahlreiche Indizien und Informationen zu diesem Thema.

Aussicht: In den kommenden Jahren weiter massiv steigende Zinsen aufgrund eines sich erhöhenden Risikoaufschlags.

Chart 1

(Die kleine Abwärtsbewegung des roten Pfeils (den obigen Chart hatte ich vor 6 Monaten, am 13.09.1999, gezeigt) haben wir bereits weitgehend hinter uns.)

Geldmarktzinsen USA

Greenspan wird so lange die Zinsen erhöhen, bis er die wilde Spekulationsblase zum Halten bekommen hat. Leider wird es kein Halten, sondern ein Platzen. Alan Greenspan selbst hat in seiner Rede am 27. August 1999 u. a. gesagt:

"...all asset values rest on perceptions of the future. ...

On such judgments of value rest much of our economic system. Doubtless, valuations are shaped in
part, perhaps in large part, by the economic process itself. But history suggests that they also reflect
waves of optimism and pessimism that can be touched off by seemingly small exogenous events. ...

An individual's degree of risk aversion may vary through time and possibly
be subject to herd instincts.

...like so many other aspects of human nature, has not materially changed over the generations.

It has become evident time and again that when events are unexpected, more complex, and move more
rapidly than is the norm, human beings become less able to cope. The failure to be able to comprehend
external events almost invariably induces fear and, hence, disengagement from an activity, whether it
be entering a dark room or taking positions in markets. And attempts to disengage from markets that
are net long--the most general case--means bids are hit and prices fall.

History tells us that sharp reversals in confidence happen abruptly, most often with little advance
notice. These reversals can be self-reinforcing processes that can compress sizable adjustments into a
very short time period. Panic market reactions are characterized by dramatic shifts in behavior to
minimize short-term losses. Claims on far-distant future values are discounted to insignificance. What
is so intriguing is that this type of behavior has characterized human interaction with little appreciable
difference over the generations. Whether Dutch tulip bulbs or Russian equities, the market price
patterns remain much the same."

Wenn die Blase platzt, wird die Fed die Zinsen wieder senken, so wie in den 30er Jahren und so wie in Japan in den 90er Jahren – jedoch ohne Erfolg. Ich erwarte daher nur noch einen, maximal zwei weitere Zinsschritte. Die bisher durch die Sonderentwicklung der Energiepreise verdeckte Deflation wird sich im Zuge der Depression beschleunigen.

10-jährige Bund-Rendite

Auch hier sind Risikoaufschläge zu erwarten. Weiter steigend.

Vor sechs Monaten zeigte ich diese Verlaufsprognose (roter Pfeil) – der Chart ist um die tatsächliche Entwicklung (blau) ergänzt:

Chart 2

 
Solche Verlaufsprognosen sind nur mit Hilfe der Elliott-Wellen möglich. Keine charttechnische Methode, schon gar keine fundamentale, ist dazu in der Lage.

Nach einem nunmehr kompletten fünfteiligen Impuls (rote Zahlen) ist nun zunächst eine leichte Korrektur zu erwarten. Danach weiter aufwärts.

Chart 3

Prognose: In 2 Monaten 5,2 %; in 6 Monaten 5,8 %.

(Die "Punkt-Prognose" in zwei Monaten ist mit großer Unsicherheit behaftet, aber das Niveau der Korrektur wird 5,3 % bis 4,9 % erreichen, nach 5,6 % bis 5,7 %.)
 
 

Geldmarktzinsen Euroland

Beim Pressgespräch im Januar 1999 hatte ich gesagt, dass die Zinsen weiter, deutlich unter 3 %, sinken werden, was kurz danach mit 2,5 % erreicht wurde.

Aufgrund aufkommender Inflationsängste ist zunächst mit weiter leicht steigenden Geldmarktzinsen zu rechnen. Längerfristig jedoch werden die bisher noch verdeckte Deflation sowie die Baisse auf den Aktienmärkten zum Gegensteuern zwingen – wie in Japan (ohne Erfolg) seit zehn Jahren.

Chart 4

 
 
 

Der Euro (zum US-Dollar)

Ebenfalls im Januar 1999, bei einem EUR/USD-Kurs von 1,16, hatte ich als "Außenseiter" einen Kurs von 1,05 zur Jahrsmitte ’99 prognostiziert (hier nachzulesen), was bereits Ende Mai 1999 erreicht war.

Beim letzten Pressegespräch am 13. September 1999 hatte ich folgende Verlaufsprognose abgegeben (roter Pfeil):

Chart 5

Die tatsächliche Entwicklung (in blau) ist nun erkennbar. Und wieder muss ich betonen: Eine solche Verlaufsprognose ist nur mit den Elliott-Wellen möglich.

Der primäre Abwärtsimpuls des Euro ist noch nicht beendet und wird uns noch das ganze Jahr begleiten. Unter Schwankungen werden unter 0,90 erreicht werden:

Chart 6

Prognose: In sechs Monaten 0,95.

Auch hier gilt wieder: Eine Prognose für einen bestimmten Zeitpunkt ist unsicherer als die Prognose der Wendepunkte.


 
 

Die Hauptentwicklung der kommenden Jahre wird aber auf den Aktienmärkten stattfinden.

Schon seit längerer Zeit warne ich vor einer tiefen und langen Aktienbaisse, speziell in den USA. Leider schauen die meisten Analysten nur auf die populären Indizes wie Dow Jones Industrial, S&P 500 oder Nasdaq. Diese Indizes, besonders der Nasdaq, werden nur von einer "Handvoll" Aktien in die Höhe getrieben, während die große Mehrheit aller Aktien sich bereits seit mehreren Jahren in einem ausgesprochenen Bear-Market befindet!

Am eindrucksvollsten wird dies an der advance/decline-Linie deutlich. Für sämtliche Aktien der New York Stock Exchange (NYSE) bricht diese Linie bereits seit zwei Jahren regelrecht ein:

Noch dramatischer ist die Situation bei der "highflyer"-Börse der letzten Jahre, der Nasdaq. Hier befindet sich die große Mehrheit der Nasdaq-Aktien bereits seit sechs Jahren in einer ausgewachsenen Baisse!

Wer beispielsweise vor zwei Jahren von jeder existierenden amerikanischen Aktie (weit über 10.000 Stück) jeweils eine gekauft hat, der hat bis heute einen satten zweistelligen Prozent-Verlust eingefahren.

Die NYSE-Aktien aller amerikanischen Unternehmen, die Gewinne machen, sind im Durchschnitt im Jahr 1999 um 2 % gefallen, während solche von Unternehmen mit Verlusten im Durchschnitt um 52 % gestiegen sind!

Falls Sie amerikanische Zeitungen vom Sommer/Herbst 1929 finden, werden Sie Dinge lesen wie: "New Economy", "New Market", "die beste aller Welten", "traditionelle Bewertungskriterien sind dauerhaft nicht mehr gültig", "Aktien werden langfristig weiter steigen", usw. usw. - kurz, Sie finden das Gleiche Gerede wie heute. Und jedes Mal hieß es kurz vor dem Platzen einer Blase (ob Tulpenmanie, South Sea Bubble, 1873, 1907, 1929, 1966, 1966, 1973/74, 1987):

"Diesmal ist es anders - this time its different". Diese Aussagen sind das sicherste aller Warnzeichen!


Jürgen Küßner, 20. März 2000