..

02. November 1999

> Von Kurt Richebächer
>
>
> Börsen-Zeitung, 19.10.1999
>
> Im Lichte der Daten, an denen die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes
> heute hauptsächlich gemessen wird, liegt die amerikanische Wirtschaft seit
> mindestens vier Jahren unter strahlendem Sonnenschein. Das reale
> Sozialprodukt erhöhte sich in dieser Zeit im jährlichen Durchschnitt um
> 3,6% bei gleichzeitiger Zunahme der Beschäftigung um insgesamt fast sieben
> Millionen oder 1,3% jährlich. Was den Glauben an einen tief greifenden
> Paradigmenwechsel in der amerikanischen Wirtschaft aber vor allem schürte,
> war die Tatsache, dass bei hohem Wachstum gleichzeitig die Inflationsraten
> für Konsumenten- und Produzentenpreise fielen. Das war für viele
> normalerweise unvorstellbar.
>
> Schnell hatte man die passende Erklärung parat: Im internationalen
> Vergleich liege die amerikanische Wirtschaft insbesondere aus zwei Gründen
> weit an der Spitze: Erstens hat sie einen großen Vorsprung in der
> Entwicklung und Anwendung der neuen Informationstechnologie, und zweitens
> habe das von Wall Street gesetzte Leitbild vom Shareholder Value in
> Corporate America gesammelte Management-Energien freigesetzt, die zu
> gründlichen Verbesserungen in den Gewinnen und im Produktionsfortschritt
> geführt haben.
>
> Shareholder Value über alles
>
> Auf eine kurze Formel gebracht: Die ausdrückliche Verpflichtung des
> Managements, unter allen Umständen und in erster Linie den Shareholder
> Value zu maximieren, wird als die wirksamste Methode betrachtet, die
> Leistung in der Wirtschaft zum Besten der Allgemeinheit zu maximieren.
> Stichwort und Schlagwort: Corporate Restructuring. Indem sich dieses
> Leistungsprinzip inzwischen über die gesamte amerikanische Wirtschaft
> ausgebreitet hat, sei letzten Endes der gegenwärtige, lange
> wirtschaftliche Aufschwung mit all seinen hervorragenden Eigenschaften
> zustande gekommen. Aus dieser Sicht werden andere Länder inzwischen
> weitgehend daran gemessen, inwieweit sie die angeblich bewährten
> amerikanischen Methoden übernommen haben.
>
> Hausse zieht blinden Glauben nach sich
>
> Es passt alles wunderschön zusammen. Doch vor allem haben wohl die
> endlosen hohen Kursgewinne an Wall Street für eine allgemein hohe
> Bereitschaft gesorgt, diesen und anderen wohlklingenden Erklärungen fast
> blinden Glauben zu schenken. Zu einer ersten Diskussion über die Ursachen
> der Aktienhausse und der glänzenden Performance der amerikanischen
> Wirtschaft in den letzten Jahren ist es nie gekommen. Die wenigen
> kritischen Stimmen, die sich meldeten, wurden nicht widerlegt, sondern
> einfach überhört. Was spricht gegen diesen Glauben an ein
> Wirtschaftswunder in Amerika? Erstens die Tatsache, dass die angeblich
> schlüssigen Beweise in Wahrheit alles andere als schlüssig sind, und
> zweitens die vorliegenden monetären Daten, die klar und deutlich besagen,
> dass Herr Greenspan über die unmäßigste Kreditinflation präsidierte, die
> es je in der Welt gegeben hat. Das nämlich ist der Stoff, aus dem
> regelmäßig Bubbles entstehen.
>
> Bis auf den heutigen Tag ist stets und ständig zu hören und zu lesen, eine
> "asset bubble", also eine Inflationsblase in Finanz- oder Sachanlagen, sei
> sehr schwer zu erkennen, bevor sie platzt. So Greenspan und viele andere
> in ständiger Wiederholung. Das ist einfach eine faule Entschuldigung für
> diejenigen, die nicht sehen wollen. Theoretische Erkenntnis wie
> geschichtliche Erfahrung geben in dieser Beziehung eine ebenso einfache
> wie klare Antwort: Entscheidendes Kriterium für eine inflatorische
> Entwicklung jeglicher Art ist die jeweils stattfindende Kreditexpansion,
> und zwar Kreditexpansion im Vergleich mit zwei volkswirtschaftlichen
> Aggregaten: erstens dem inländischen Sparaufkommen und zweitens dem
> Anstieg des nominalen Sozialprodukts, das die gesamtwirtschaftliche
> Aktivität misst. Noch in den achtziger Jahren gehörte diese Einsicht zu
> den Binsenweisheiten in der Nationalökonomie.
>
> Greenspan übergeht sinkende Ersparnis
>
> Die Kreditausweitung der letzten Jahre in den USA ist ohne Vergleich und
> Beispiel in der Geschichte, weil sie von einem völligen Kollaps der
> persönlichen Ersparnisbildung begleitet war. Es ist zur Norm geworden,
> dass die privaten Haushalte beständig mehr ausgeben, als sie verdienen.
> Fast ein Drittel des Anstiegs der Konsumausgaben in diesem Jahr ging auf
> das Konto sinkender Ersparnis. In seinen zahlreichen Reden hat Herr
> Greenspan nicht einmal auch nur ein einziges Wort über die Tatsachen
> verloren. Zum Vergleich sei bemerkt, dass Japan in seinen Bubble-Jahren
> der späten achtziger Jahre eine persönliche Sparquote von 12 bis 13%
> hatte, nach vorher 15 bis 16%.
>
> Ein nicht weniger tolles Bild bietet sich beim Vergleich der laufenden
> Kreditexpansion mit dem gleichzeitigen Anstieg des nominalen
> Sozialprodukts. Dieses stieg im vergangenen Jahr um 400 Mrd. Dollar und in
> der ersten Hälfte dieses Jahres um 200 Mrd. Dollar. Dem stand eine
> Kreditaufnahme des privaten nicht-finanziellen Sektors, also von
> Konsumenten und Unternehmen zusammen, von 995 Mrd. Dollar beziehungsweise
> 532 Mrd. Dollar gegenüber. Auf einen Dollar Anstieg des Sozialprodukts kam
> von deren Seite damit rund 2,5 Dollar Neuverschuldung. Wohlgemerkt, dies
> ist alles private Verschuldung, denn die Regierung macht in ihrem Haushalt
> einen Überschuss.
>
> Schuldenberge gebären Blasen
>
> Daneben ist aber die explosionsartig zunehmende Kreditaufnahme eines
> dritten Sektors in Betracht zu ziehen, und zwar des Finanzsektors. Er
> borgte im vergangenen Jahr 1,068 Mrd. Dollar und 557 Mrd. in der ersten
> Hälfte dieses Jahres. Das ergibt in der Terminologie des Federal Reserve
> "net flows through the credit markets" von 2120 Mrd. Dollar im Jahre 1998
> und von 1080 Mrd. Dollar in der ersten Hälfte des Jahres. (Nebenbei
> bemerkt, die jüngsten Zahlen sind nicht auf Jahresrate hochgerechnet).
>
> Um die Brisanz der Inflationsblase in den amerikanischen Finanzmärkten zu
> verstehen, ist es notwenig, sich die Brisanz der Schuldenblase vor Augen
> zu führen, aus der jede Bubble letztlich hervorgeht. In den vergangenen
> viereinhalb Jahren bis Mitte 1999 hat die Neuverschuldung in den
> amerikanischen Kreditmärkten insgesamt um mehr als 7200 Mrd. Dollar oder
> um 40% auf 24428 Mrd. Dollar zugenommen. Das sind 363% des derzeitigen
> jährlichen Sozialprodukts. Von dieser Gesamtverschuldung entfielen 25% auf
> die privaten Haushalte, 24% auf Unternehmen, 15% auf die Regierung und 29%
> auf den finanziellen Sektor.
>
> Im Rückblick erscheint es sonnenklar, dass das amerikanischen Kreditsystem
> vor allem von 1997 auf 1998 vollkommen außer Kontrolle geraten ist. Die
> Neuverschuldung des privaten nicht-finanziellen Sektors, also der
> Konsumenten und Unternehmen, schnellte von einem Jahr zum anderen um 41%
> und die des finanziellen Sektors um sage und schreibe 64% in die Höhe.
> Obwohl dies wirklich ein ungeheuerlicher Sprung war, nahm ihn niemand zur
> Kenntnis, denn Kreditzahlen sind für Alan Greenspan und Wall Street
> grundsätzlich ohne Interesse. Das einzige, was sie im monetären Bereich
> aber auch nur gelegentlich beachten, sind die Geldmengen. Immerhin
> beschleunigte sich das Wachstum der Geldmenge M3 auf 11%, nach 9% im
> Vorjahr. Doch auch das erschien irrelevant angesichts sinkender
> Inflationsraten.
>
> Für die meisten ausländischen Betrachter ist es ein Rätsel, was die
> explosionsartige Zunahme der Kreditaufnahme des finanziellen Sektors in
> den USA zu bedeuten hat. Es handelt sich in der Hauptsache um so genannte
> "non-bank financial intermediaries", die sekurisierte Hypotheken und alle
> Arten von Konsumkrediten kaufen und finanzieren. Die Verbindlichkeiten der
> größten Institute in dieser Gruppe sind "Federal government-related" und
> genießen infolgedessen Staatsgarantie, die ihre Refinanzierung erleichtert
> und verbilligt. Hauptsächliche Refinanzierungsquelle sind der
> amerikanische und der internationale Geldmarkt, die sie mit
> verschiedenartigen kurz- und mittelfristigen Instrumenten anzapfen.
> Letztlich wurden sie zur unerschöpflichen Quelle für den unersättlichen
> Konsumkredit.
>
> Kaum jemandem scheint klar zu sein, dass sich hier inflatorische
> Kreditschöpfung reinsten Wassers in phantastischen Ausmaßen abspielt. Im
> Unterschied aber zur Kreditgewährung der Banken findet in diesem Falle
> keinerlei Geldschöpfung in Gestalt einer gleichzeitigen Vermehrung der
> Bankeinlagen, sondern eine Beschleunigung der Geldumlaufsgeschwindigkeit
> statt. Was diese Institute über die Geldmärkte von ihren Kreditgebern
> ausleihen, um damit Kreditpapiere zu kaufen, sind letzten Endes bestehende
> Bankeinlagen, das heißt bestehende Kassenbestände von Unternehmen und
> institutionellen Anlegern. Die unsichtbare monetäre Expansionswirkung
> findet durch schnelleren Umschlag der Einlagen statt.
>
> Man führe sich vor Augen, dass die Käufe dieser Institute von
> "sekuritisierten" Krediten von 550 Mrd. Dollar im Jahre 1996 auf mehr als
> 1000 Mrd. Dollar im Jahre 1998 zugenommen haben. Diese Summen, um nicht zu
> sagen Unsummen, lassen keinen Zweifel daran, dass diese Institute bei der
> Bildung der großen amerikanischen Kredit- und Finanzblase in den letzten
> beiden Jahren direkt und indirekt eine absolut entscheidende Rolle
> gespielt haben.
>
> Kreditpyramide führt zu Illiquidität
>
> Eine der Folgen dieser Entwicklung ist natürlich, dass Kreditschöpfung und
> Geldschöpfung in den USA wie nie zuvor auseinander klaffen. In der Wirkung
> auf Wirtschaft und Märkte besteht keinerlei Unterschied zur
> Kreditschöpfung der Banken, die mit Geldvermehrung verbunden ist. Wohl
> aber wird das Finanzsystem auf längere Sicht zwangsläufig illiquider,
> indem im Verhältnis zur Geldmenge eine immer größere Kreditpyramide
> entsteht. Ebenso sollte klar sein, dass die Bewegungen der Geldmengen
> unter diesen veränderten institutionellen Bedingungen ein völlig
> unzulänglicher Maßstab für die Geldpolitik geworden sind.
>
> Womit wir zur wichtigsten Frage überhaupt in diesem Zusammenhang kommen:
> Was genau war und ist die entscheidende treibende Kraft hinter dem langen
> Boom der amerikanischen Wirtschaft und der stürmischen Hausse des
> Aktienmarktes gewesen? War es die Kreditblase, die wir beschrieben haben?
> Oder ist es der berühmte Paradigmenwechsel in der Wirtschaft als Folge von
> High Tech und Corporate Restructuring, den Wall Street und Herr Greenspan
> beschwören? Halten wir als erstes nochmals fest: Die Kreditexpansion, die
> in den letzten Jahren in den USA stattgefunden hat, ist ohne Beispiel in
> der Geschichte. Sie stellt alle bisherigen Bubble-Erfahrungen in den
> Schatten. Ebenfalls einmalig in der Geschichte ist es, dass alle Welt,
> nicht nur unabhängige Beobachter und Kommentatoren, sondern vor allem auch
> die verantwortlichen Geldpolitiker, über die entfesselten Kreditfluten
> einfach hinwegsehen. Sie werden nicht einmal zur Kenntnis genommen.
>
> Dazu sei festgestellt, dass sich die Fed in den zwanziger Jahren über den
> haussierenden Aktienmarkt bereits anfangs 1928 Sorgen zu machen begann und
> von da an bemüht war, ihn durch Zinserhöhungen frühzeitig zu bremsen. Erst
> recht aber wäre in der damaligen Fed niemand auf die Idee gekommen, die
> Aktienhausse gar mit den großen Errungenschaften der industriellen
> Revolution zu rechtfertigen, wie Greenspan es immer wieder mit Bezug auf
> Computer- und Informationstechnologie getan hat. Wall Street schwärmte
> zwar von einer neuen Ära, niemand aber in der Fed. Dabei erzielte die
> Industrie mit einer damaligen neuen Technologie, die primär die
> Produktionsanlagen verbesserte, ungleich höhere, messbare
> Produktivitätsgewinne als es heute mit der neuen Informationstechnologie
> geschieht.
>
> Kein Verständnis für Mises und Hajek
>
> Die Meinungsverschiedenheiten über die wirtschaftliche und finanzielle
> Entwicklung in den USA gehen letztlich jedoch weit über die Frage hinaus,
> ob die Aktienhausse der letzten Jahre eine inflatorische Bubble darstellt
> oder aber einen tief greifenden Paradigmenwechsel in der Wirtschaft
> widerspiegelt. Anhaltende, größere Inflationsblasen in den Sach- und
> Finanzanlagen haben erfahrungsgemäß die unangenehme Eigenschaft, dass sie
> je nach Dauer und Ausmaß mehr oder weniger starke Verwerfungen in der
> ganzen Wirtschaft bewirken, die langwierige und schmerzvolle
> Anpassungsprozesse nach sich ziehen, nachdem die Bubble geplatzt ist.
>
> Das ist allerdings eine Erkenntnis der Österreichischen Schule (Mises,
> Hayek), wofür die große Mehrheit der amerikanischen Nationalökonomen kein
> Verständnis hat. In der gängigen amerikanischen Wirtschaftsgeschichte
> hatte die Depression der dreißiger Jahre absolut nichts mit den
> wirtschaftlichen und finanziellen Auswüchsen der späten achtziger Jahre zu
> tun. Schuld war allein eine zu restriktive Geldpolitik der Fed, nachdem
> die Aktienblase geplatzt war. Im gleichen Sinne werden die anhaltenden
> wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Japan allein einer falschen
> Geldpolitik in der Gegenwart, nicht aber den wirtschaftlichen und
> finanziellen Auswüchsen und Verzerrungen aus den vorangegangenen
> Bubble-Jahren zugeschrieben.
>
> BoJ mit selben Trivialitäten bombardiert
>
> Für diesen Gedanken, für einen neuen wirtschaftlichen Aufschwung könne es
> zuerst eines möglicherweise langwierigen und schmerzvollen
> Anpassungsprozesses bedürfen, haben in Amerika weder Politiker noch
> Nationalökonomen etwas übrig. Jede wirtschaftliche Stockung ist ihrer
> Ansicht nach leicht und schnell zu beheben, indem die Notenbank einfach
> "Geld druckt". Das einzige, was ihnen dabei in den Sinn kommt, sind
> massive Offenmarkt-Käufe der Notenbank von Staatspapieren. Mit dieser
> simplizistischen Forderung wird die japanische Notenbank von maßgebenden
> amerikanischen Nationalökonomen seit Monaten bombardiert.
>
> Dummes Zeug
>
> Zurück zur Ausgangsfrage: Bubble oder neue Ära in den USA? Wie gesagt, die
> übliche Behauptung, eine Anlagen-Bubble sei schwer zu erkennen, bevor sie
> platzt, ist dummes Zeug. Entscheidendes und spielend leicht erkennbares
> Kriterium ist, wie gesagt, die jeweils laufende Kreditexpansion.
> Typisches, ins Auge springendes Kennzeichen jeder Inflationsblase in Sach-
> oder Finanzanlagen ist eine Kreditexpansion, die das Sozialproduktwachstum
> deutlich übersteigt. Es mag manchmal Grenzfälle geben, aber die
> gegenwärtige Entwicklung in den USA ist kein Grenzfall, sondern der
> extremste Fall, den es in dieser Hinsicht je gegeben hat, womit die
> Aktienhausse der vergangenen Jahre als besonders schlimme Inflationsblase
> oder Bubble qualifiziert ist.
>
> Aber solche Bubbles finden nicht im luftleeren Raum statt. Wie gesagt, in
> aller Regel führt die inflatorische Kreditvermehrung direkt und indirekt
> zu mehr oder weniger starken Verzerrungen in den Strukturen der
> Wirtschaft. Aus der "asset bubble" wird auf diese Weise die "bubble
> economy". Im Falle Japans bewirkte die Bubble der späten achtziger Jahre
> im Aktien- und Immobilienmarkt einen Investitionsboom ohnegleichen in
> Industrieanlagen und kommerziellen Bauten. Selbst nach zehn Jahren haben
> die japanischen Unternehmen noch mit den damaligen massiven Fehl- und
> Überinvestitionen zu kämpfen. Von völlig anderer Art sind die
> Bubble-Auswirkungen der vergangenen Jahre auf die Wirtschaft in den USA.
> Auf dem Weg über die gewaltigen "wealth effects" des haussierenden
> Aktienmarktes zugunsten der privaten Haushalte ist vor allem der Konsum
> überstimuliert worden, übrigens ähnlich wie schon in den zwanziger Jahren,
> als in den USA der Konsumkredit erfunden wurde.
>
> Wahrzeichen Handelsbilanzdefizit
>
>
> Doch Herr Greenspan und die meisten amerikanischen Volkswirte sind außer
> Stande, in der maßlosen Kreditvermehrung, dem Zusammenbruch der privaten
> Ersparnisbildung sowie dem explodierenden Handelsbilanzdefizit bedenkliche
> Ungleichgewichte zu sehen, die auf die Dauer nicht haltbar sind. Das
> riesige Defizit im Außenhandel wird ganz im Gegenteil als das Wahrzeichen
> einer vor Kraft strotzenden Wirtschaft gesehen und hingestellt.
> Handelsbilanzüberschüsse werden verächtlich als Zeichen wirtschaftlicher
> Schwäche abgetan. Dass Volkswirtschaften mit starkem Wachstum dank hoher
> innerer Ersparnisbildung in der Regel starke Handels- und Zahlungsbilanzen
> aufweisen, ist ihnen völlig unbekannt.
>
> Beispielloses Nebeneinander
>
> Um es zu wiederholen und zu unterstreichen: Amerika ist der extremste Fall
> von "asset bubble" und "bubble economy", den es je gegeben hat. Das hat
> seinen Grund in dem beispiellosen Nebeneinander von völlig
> unkontrollierter Kreditexpansion und völligem Zusammenbruch privater
> Ersparnisbildung. Es bedeutet, dass die amerikanischen Märkte letztlich
> von zwei ungewöhnlichen und unsicheren Finanzierungsquellen abhängen. Das
> eine ist pures finanzielles Leverage, also kreditfinanzierte Anlagen, und
> das andere sind Auslandskäufe. Wobei das finanzielle Leverage bekanntlich
> in großem Umfang durch Refinanzierung in niedrig verzinslichen
> ausländischen Währungen stattgefunden hat, in Yen, Euro und Schweizer
> Franken. Hat die amerikanische Wirtschaft aber in puncto Ertragskraft und
> Produktivität erheblich gewonnen, wie Wall Street unter Berufung auf
> Hightech und Shareholder-Value-Primat zu behaupten pflegt? Darüber muss es
> doch objektive und unbestreitbare Statistiken geben. Ja, es gibt sie, aber
> ...
>
> Gewinnentwicklung gibt nichts her
>
> Was die Gewinne betrifft, so haben es die Analysten geschafft, mit
> verschiedenen Vergleichskniffen den anhaltenden Eindruck eines besonderen
> Gewinnbooms in diesem Aufschwung zu erwecken. In der Tat war dies in den
> Jahren 1993/94 der Fall, nicht aber aus Gründen erhöhten
> Produktivitätsfortschritts, sondern als Folge scharfer Zinssenkungen. In
> den folgenden Jahren setzte sich der Gewinnanstieg zwar fort, aber mit
> stark rückläufiger Tendenz. Vom 3. Quartal 1997 bis zum 1. Quartal 1999
> herrschte dann Gewinnstagnation. Erst im zweiten Quartal dieses Jahres kam
> es zu neuem Gewinnanstieg (siehe Chart 1 und 2).
>
> Kurz gesagt, in der Gewinnentwicklung der vergangenen Jahre gibt es
> nichts, absolut nichts, was zu euphorischem Gerede von Paradigmenwechsel
> und neuer Ära in der Wirtschaft berechtigt. Eher haben sich die Gewinne in
> diesem Aufschwung unterdurchschnittlich entwickelt, obwohl zwei
> außergewöhnliche, stark Gewinn steigernde Einflüsse zur Wirkung kamen:
> massive Verwendung von Stock Options und hohe Kursgewinne der
> Pensionsfonds im Aktienmarkt.
>
> Stock-Options 1 Billion Dollar schwer
>
> Es wird geschätzt, dass die ausstehenden Stock-Options heute einen
> Marktwert von etwa einer Billion Dollar haben. Im Grunde sind es
> Gehaltszahlungen, die aber nicht als Kosten in die
> Gewinn-und-Verlust-Rechnung eingehen. Was sodann die Kursgewinne der
> Pensionsfonds betrifft, so haben sie die Unternehmensgewinne dadurch
> erhöht, indem sie den Unternehmen die sonst notwendigen erheblichen
> Einzahlungen zur Fundierung der Pensionsverpflichtungen ersparen. Nicht
> wenige Unternehmen gehen allerdings noch weiter und kassieren einen Teil
> der Kursgewinne für eigene Rechnung.
>
> Manipulation ist oberste Pflicht
>
> Im Übrigen ist es ein offenes Geheimnis, dass zahlreiche Unternehmen jeden
> Buchhaltungstrick ausnutzen, um ihre Gewinne zu verschönern. Zu den
> wenigen, die dies offen kritisieren, gehört Warren Buffet, Amerikas
> meistbewunderter Investor, der sich kürzlich wie folgt äußerte: "Eine
> wachsende Zahl sonst hochgradiger Manager - die man gerne als Vater seiner
> Kinder oder als Treuhänder seines Nachlasses sähe - sind zur Ansicht
> gekommen, dass es völlig legitim ist, die Gewinne zu manipulieren, um die
> Wünsche von Wall Street zu befriedigen. Viele Manager halten solche
> Manipulationen in der Tat nicht nur für zulässig, sondern für ihre
> Pflicht." Es sollte klar sein, was letztlich hinter dieser merkwürdigen
> Einstellung steht: die allgemeine Besessenheit gegenüber der erklärten
> Notwendigkeit, den Shareholder Value unablässig zu steigern.
>
> Und was hat es mit der viel gerühmten Steigerung des
> Produktivitätsfortschritts in der amerikanischen Wirtschaft auf sich?
> Jawohl, sie hat sich in den letzten Jahren praktisch verdoppelt, von 1%
> auf gut 2% jährlich. Ohne viel zu fragen wurde diese Verbesserung von
> vornherein dem gestärkten Computereinsatz und selbstverständlich dem um
> sich greifenden Corporate Restructuring zugeschrieben.
>
> Computer verfälschen Statistik
>
> In der Wirklichkeit hatte diese Verbesserung der Produktivität einen ganz
> anderen, und zwar einen rein statistischen Grund. Entscheidend war
> letztlich eine Umstellung in der Statistischen Bemessung der
> Computerinvestitionen der Unternehmen. Da die Leistungskraft der Computer
> bei zudem rapide fallenden Preisen exponentiell zunahm, kamen die
> amtlichen Statistiker auf den Gedanken, für die Bemessung dieser
> Investitionen einen Index zu entwickeln, der die beiden Vorgänge im
> Computerbereich - höhere Leistung zu sinkenden Preisen - erfassen und
> widerspiegeln sollte. Er fand die Bezeichnung "hedonischer" Preisindex.
>
> Dieser Index wird nun seit Ende 1955 (Anmerkung: muss wahrscheinlich "1995" heißen)
> angewendet. Es waren sicherlich
> vernünftige Überlegungen, die zu dieser Umstellung in der
> gesamtwirtschaftlichen Statistik führten, aber das schließliche Ergebnis
> ist grotesk. Mit der Leistungskraft der Computer explodierten - in der
> Statistik - die Investitionen der Unternehmen, was dann seinerseits in
> entsprechendem Ausmaß das reale Sozialproduktwachstum erhöhte. Dazu eine
> Kostprobe: Im vergangenen Jahr erhöhte sich das reale Sozialprodukt der
> USA - gerechnet in so genannten "chained" Dollars - um 282 Mrd. Dollar
> beziehungsweise um 3,9%. Alle Welt bestaunte diese hohe Wachstumsrate. Den
> wenigsten war klar, dass davon 137 Mrd. Dollar oder 48% auf das Konto der
> auf diese Weise berechneten Computerinvestitionen der Unternehmen gingen.
> Die tatsächlichen Mehrausgaben der Unternehmen hatten dagegen lediglich 14
> Mrd. Dollar betragen. Im ersten Halbjahr 1999 kam der Computeranteil auf
> volle 81 Mrd. Dollar oder 65% innerhalb eines Sozialproduktzuwachses von
> 125 Mrd. Dollar. Glatte zwei Drittel des Anstiegs des Sozialprodukts
> errechnete sich aus Ausgaben, die nicht stattgefunden haben. Im Grunde
> sind es statistische Phantomdollars.
>
> Doch zwangsläufig hatten diese statistischen Umstellungen noch eine
> weitere bedeutsame Folge. Indem sie das Sozialproduktwachstum erhöhten,
> stieg in gleichem Maße der gesamtwirtschaftliche
> Produktivitätsfortschritt. Da die amerikanische Sozialproduktstatistik die
> Computerinvestitionen der Unternehmen separat ausweist, konnte jeder
> allerdings mit Leichtigkeit nachrechnen, dass die für die Gesamtwirtschaft
> ausgewiesene Produktivitätsverbesserung in Wirklichkeit nicht überwiegend
> auf gewaltige Produktivitätssprünge im Computersektor selbst zurückgeht,
> auf den gerade 1% des Sozialprodukts in den USA entfällt, das hieß
> letztlich auf besagte statistische Umstellung. Wer jedoch hatte ein
> Interesse daran, dies offen zu legen? Niemand, leider nämlich hätte es den
> einzigen Anhaltspunkt für den Paradigmenwechsel in der amerikanischen
> Wirtschaft widerlegt.
>
> Immerhin, vor einigen Monaten veröffentlichte ein führender akademischer
> Experte in Produktivitätsfragen, Prof. Robert J. Gordon, Northwestern
> University, eine umfassendere Studie über genau diese Frage - mit
> vernichtendem Urteil über die angeblichen großen Produktionsgewinne in der
> neuen Ära.
>
> Vernichtendes Urteil zur Produktivität
>
> Die Studie gipfelte in der Feststellung, das Bild der wirtschaftlichen
> Entwicklung in den USA werde durch die besondere Art der statistischen
> Erfassung des Computersektors völlig verzerrt. In den 99% der Wirtschaft
> außerhalb der Computerindustrie habe keinerlei Produktivitätsverbesserung
> stattgefunden, so dass für eine "new-economy"-Revolution nicht der
> geringste Raum bleibt. Die Explosion in der Herstellung und Nutzung von
> Computern hatte außerhalb der Computerindustrie, die auf 1% des
> Sozialprodukts entfällt, keinerlei messbare Produktivitätswirkungen. Im
> Gegenteil habe sich ansonsten das Produktivitätswachstum eher etwas
> verlangsamt. Wörtlich: "When stripped of computers, the productivity
> performance of the durable manufacturing sector is abysmal, with no
> revival at all and a further slowdown in 1955-99 (Anmerkung: Muss wahrscheinlich
"1995-99" heißen)
compared to 1970-95."
>
> Dieses vernichtende Urteil von Prof. Gordon erklärt einiges, insbesondere
> die enttäuschende Gewinnentwicklung. Zugleich drängt sich die Frage auf:
> Wo ist eigentlich der Boom, wenn die aufgeblähten Computerzahlen nicht
> wären? Für 99% der Wirtschaft verbliebe ein reales Wachstum von knapp 2%
> jährlich. Ein mehr als mageres Ergebnis, wenn man die riesige Kreditblase
> bedenkt. Trotzdem, der Boom existiert, aber er findet eben größtenteils
> außerhalb des Sozialprodukts in den Anlagemärkten statt: im Aktienmarkt,
> im Anleihemarkt, im Immobilienmarkt, während von dem nicht in Frage
> stehenden Konsumboom der größere Teil inzwischen durch das Riesenloch in
> der Handelsbilanz ins Ausland abfließt.
>
> Bubble oder neue Ära? Über die Antwort auf diese Frage kann nach diesen
> Ausführungen kein Zweifel bestehen. Die Revolution in der amerikanischen
> Wirtschaft hat nicht stattgefunden, weder durch die
> Informationstechnologie noch durch das Shareholder-Value-Primat. Und sie
> wird auch niemals stattfinden, denn beide sind von ihrer Natur her dazu
> nicht geeignet. Der Druck, unablässig höhere Gewinne auszuweisen, drängt
> die Unternehmen vor allem zu Kostensenkungen, dies aber auf Kosten von
> Neuinvestitionen, und das führt insgesamt zu sinkenden Gewinnen.
>
> Neue Technologie leider nur Wunder
>
> Und was ist mit der Prosperität, welche die neue Technologie hervorbringen
> soll? Es ist ein technisches Wunder, ohne Frage, nur leider ein Wunder,
> das nicht die notwendigen Eigenschaften besitzt, daraus ein
> wirtschaftliches Wunder zu schaffen. Ein Vergleich mit den
> wirtschaftlichen Auswirkungen der industriellen Technologie macht dies
> klar und deutlich. Die industrielle Technologie hatte sehr starke
> Produktivitätswirkungen, die Arbeitskräfte freisetzte. Aber aus der
> arbeits- und kapitalintensiven Herstellung der Anlagen und Maschinen
> dieser Technologie entstanden große neue Kapitalgüterindustrien, die den
> Menschen andere, neue Arbeit gaben. Es war ein wunderbares Zusammenspiel
> von Arbeitsteilung und Kapitalbildung, das die große Prosperität des
> industriellen Zeitalters hervorbrachte.
>
> Maßlose Konsumentenverschuldung
>
> Nichts davon gilt für die Informationstechnologie. Auch sie setzt
> Arbeitskräfte frei. Aber die Herstellung der Hightech-Ausrüstung ist mit
> minimalem Arbeits- und Materialeinsatz verbunden. Hightech ist vorzüglich
> geeignet, die Phantasie der Aktienanleger anzuregen, jedoch völlig
> ungeeignet, die Ausgaben- und Einkommensströme in der Wirtschaft zu
> vergrößern. Weder neue Technologien noch Shareholder-Value-Primat haben
> die amerikanische Wirtschaft in den letzten Jahren vorangetrieben, sondern
> es war ein ganz primitives Rezept: maßlose Konsumentenverschuldung.

Anzeige-

-Anzeige-