03. Januar 2000

Dieses folgende Posting hatte ich bereits am 18. November 1999 im Abo-Bereich gebracht - heute erscheint es für alle:

Ich bin öfters gefragt worden, warum ich davon ausgehe, dass die amerikanischen Aktien (und nicht nur die) sich in der letzten Welle, Welle 5, des Supercycle seit 1932 befinden. Es könnte doch auch die Welle 3 sein - dann nämlich würde nur eine "kleine" Korrektur (Welle 4) folgen und anschließend ein Dow Jones von 30.000 oder 40.000.

Schauen wir uns den Dow Jones sei 1932 an:

Es ist ganz augenscheinlich ein mustergültiges fünfteiliges Muster, mit der Welle 4 als typische Seitwärtsbewegung (obwohl es von 1972 bis 1974 um 45 % abwärts ging). Wie soll man diesen Impuls als dreiteilig ansehen? Es besteht kein Zweifel, dass 1974 oder 1982 die Welle 5 begonnen hat. Das allein ist aus Elliott-Sicht eigentlich Beweis genug. Aber das Muster ist nicht alles.

Man muss wissen, dass 5. Wellen, also der letzte Teil eines Impulses, Zeichen von Erschöpfung mit sich bringen. Nicht Erschöpfung im Sinne des Punktegewinns (denn da ist meist das Gegenteil zu beobachten). Es geht um Erschöpfung (Verschlechterung) im Sinne von gesamtwirtschaftlichen, gesellschaftlichen, sozialen, kulturellen, moralischen Bedingungen - und es geht darum, ob ein Anstieg an der Börse von einem soliden Fundament unterstützt wird, d. h. ob ein Anstieg sich über die volle Marktbreite vollzieht.

Verschlechterungen auf vielen Ebenen, die oft so schleichend sind, dass man sie kaum bemerkt und sich im Laufe der Zeit daran gewöhnt. In der Endphase einer letzten Welle kommt es dann zur Übertreibung, zur Aktieneuphorie, zur regelrechten Verdrängung der "nicht ins Bild passenden" negativen Alarmsignale. Das ist dann die Phase, von der später - rückblickend - als einer Manie gesprochen wird.
 

Auf die sozialen, kulturellen und moralischen Bedingungen möchte ich nicht näher eingehen, nur einige Stichworte nennen: Umweltverschmutzung/Klimaveränderungen, Verkehrschaos, Korruption, Kriminalität, Aggression, Drogen, Film und Fernsehen (Horror, Sex), AIDS, Vermarktung des Sports, ... Über Manches kann man vielleicht geteilter Meinung sein, es sind nur Denkanstöße.
 

Kommen wir aber zu den wirtschaftlichen Bedingungen und vergleichen diejenigen am Ende der 3. Welle (etwa Mitte der 60er Jahre mit denen am Ende der 5. Welle (Ende der 90er Jahre).
Am Ende der 3. Welle Am Ende der 5. Welle
betrugen die liquiden Mittel der US-Haushalte
161 %der Verbindlichkeiten
betragen die liquiden Mittel der US-Haushalte weniger als die Verbindlichkeiten (- 2 %)
betrugen die Staatsschulden 43,9 % des GDP betragen die Staatsschulden 63,7 % des GDP
betrugen die Verbraucherkredite 64 % des 
verfügbaren Einkommens
betragen die Verbraucherkredite 91,4 % des verfügbaren Einkommens
betrug das Staatsdefizit durchschnittlich 9 Mrd. USD beträgt das Staatsdefizit durchschnittlich 146 Mrd. USD
betrug die Zahlungsbilanz + 1,3 Mrd. USD beträgt die Zahlungsbilanz - 56,5 Mrd. USD (aktuell ca. -80 Mrd. $)
war die USA ein Nettogläubiger ist die USA Nettoschuldner (-1,3 Bio. USD)
betrug die private Sparquote 7,8 % ist die persönliche Sparquote negativ (-0,2 %) (aktuell ca. - 1,5 %) *)
*) Die statistischen Daten zur Sparquote sind kürzlich nachträglich von offizieller Seite verändert worden; aktueller Wert "angeblich" + 1,6 %.

Anmerkung: Die Zahlen "Am Ende der 5. Welle" stammen von Ende 1997/Anfang 1998, sind also nicht mehr ganz aktuell; es sind übrigens alles USA-Zahlen.

Ein extremes Beispiel für die 5. Welle ist die "Mergers & Acquisitions" -Manie. Was in den 80er Jahren richtig war (Diversifizierung, Portfoliostreuung) ist seit einiger Zeit alles falsch. Es zählt nur noch schiere Größe. Warum sagt Markowitz nichts dazu?

Eine "Anekdote":

Wirklich nur eine Anekdote? So wie die "Mergers & Acquisitions": Größer, höher.

Jetzt kommen wir noch einmal zu Charts. Der folgende zeigt den Spread zwischen dem Value Line Index (ein arithmetischer Index kleiner Aktien) im Verhältnis zum S&P 500 (sorry für den Tippfehler in der Überschrift):

Schon seit 1994 (mindestens, längeren Chart habe ich nicht) divergieren die "kleinen" und "großen" Aktien, seit zwei Jahren dramatisch. Das bedeutet, dass die Hausse von immer weniger Aktien getragen wird und nicht mehr vom ganzen Markt.

Genau so gut ist das natürlich an der advance-decline-Linie zu sehen (von www.decisionpoint.com geklaut):

Und wie war es 1929? So:

Auch damals hatte die a/d-Linie etwa 1 1/2 Jahre vor dem Dow-Top ihren Höhepunkt.

Aber der Nasdaq steigt doch ohne Ende! Auch da ist das Bild genauso:

Der Nasdaq steigt und steigt, aber die Nasdaq-a/d-Linie fällt seit Oktober 1997!

Und jetzt kommt das Erschreckendste überhaupt - jedenfalls war es das für mich, als ich das Ergebnis zusammen gebastelt hatte.

Es ist die oben schon gezeigte NYSE advance-decline-Linie, die offenbar erst seit 1926 ermittelt wird.
Und hier ist sie - seit 1926 - im Vergleich mit dem Dow Jones Index. Denken Sie dabei an das, was ich zum Unterschied von 3. Welle und 5. Welle sagte: Die 5. Welle zeigt Zeichen der Erschöpfung, und die a/d-Linie zeigt es überdeutlich:

Ich könnte wieder ein kleines Buch schreiben, aber das hier soll ja nur ein Posting sein. Der letzte Chart ist ein "schöner" Schluss.